Whitepaper: Digitalstrategie

Digitalstrategie [4/5]: Expertenbeitrag Dr. Jenny Meyer „Die Digitalstrategie wird leider zu oft in der IT-Abteilung verankert“

Was sind essenzielle Bausteine für die Definition und Umsetzung einer Digitalstrategie?

Ohne eine sorgfältige Analyse und Definition der Anwendungsfälle macht die Entwicklung einer Digitalstrategie m.E. wenig Sinn. Nur wenn ich als Unternehmen weiß, wo ich in den Bereichen Technologie, Organisation, Kultur und Strategie stehe, kann ich den richtigen Weg zum Ziel einschlagen. Dazu muss man sich, manchmal auch schmerzhaft, klar machen wo es nicht rund läuft oder in der Vergangenheit Fehler gemacht wurden oder sich unerwünschte Verhaltensweisen eingeschlichen haben. Und dazu ist es meiner Meinung nach unablässig, mit Mitarbeiter:Innen aus unterschiedlichen Bereichen und Hierarchiestufen offen zu sprechen. Nur so kann man potenzielle Hürden bei der Umsetzung einer Digitalstrategie identifizieren und entsprechende Maßnahmen planen. Je nach Branche, Unternehmensgröße oder Kunden- gruppe arbeiten und kommunizieren Menschen in Unternehmen unterschiedlich. Daher sollte sich eine Digitalstrategie auch unbedingt an den Anwendungsfällen der Menschen orientieren und diese fördern und unterstützen. Das ist sehr wichtig für die Bereitschaft Veränderungen anzunehmen und mitzutragen und somit ein entscheidender Erfolgsfaktor.

Welche Fehler begehen Unternehmen bei der Definition und Umsetzung einer passenden Digitalstrategie?

Meiner Erfahrung nach wird die Verantwortung für die Digitalstrategie leider noch zu oft nur der IT-Abteilung übertragen. Aber es handelt sich, wie der Name ja schon sagt, um eine “Strate- gie” und die sollte beim Top-Management liegen und Hand in Hand mit der Unternehmensstrategie gehen bzw. auf diese einzahlen. Ein weiterer Fehler ist die nicht ganzheitliche Betrachtung der unterschiedlichen Wirkungsfelder einer Digitalstrategie. Theoretisch weiß heutzutage zwar jeder, dass zur erfolgreichen Umsetzung einer Digitalstrategie auch eine entsprechende Kultur- und Organisationsveränderung notwendig ist, aber oft wird dies in der praktischen Umsetzung vernachlässigt. Da gibt es vielleicht gerade eine “New Work” Initiative von Human Resources und eine neue Kommunikationsstrategie der Unternehmenskommunikation, aber dass diese Initiativen mit einer Digitalstrategie zusammenspielen und alle ineinandergreifen müssen wird, oft auch aus unternehmenspolitischen Gründen, nicht gesehen. Und natürlich der Klassiker unter den Fehlern im Digitalisierungsumfeld: genügend Budget für IT und Software und kaum oder zu wenig Budget für Change Management, um die Mitarbeiter:Innen auch über einen längeren Zeitraum der Umsetzung der Digitalstrategie mitzunehmen.

Aus deiner Erfahrung: Wo befinden sich die meisten digitalen Lücken in deutschen Unternehmen?

In den Köpfen der Menschen. Aber das meine ich tatsächlich ernst. Die Lücken liegen nicht nur in den mangelnden Fähigkeiten der Menschen mit digitalen Lösungen und Tools zweckgerichtet umzugehen, sondern vor allem auch in der fehlenden Vorstellungskraft, was digital alles möglich und machbar ist, und wie man Altvertrautes in den digitalen Raum transferieren kann. Da ist die Covid-19 Pandemie, so schlimm sie auch ist, für viele Unternehmen ein Lehrmeister gewesen und hat viele digitale Lücken, mit einer vorher undenkbaren Geschwindigkeit, aufgedeckt.

Was können deutsche Unternehmen von Internationalen lernen?

Ich bin mir gar nicht so sicher ob deutsche im Vergleich zu internationalen Unternehmen immer so viel schlechter aufgestellt sind, wenn es um Digitalisierung oder die Entwicklung und Umsetzung einer Digitalstrategie geht. Aber wenn es etwas zu lernen gibt, dann vielleicht am ehesten die “Einfach mal machen”-Mentalität, die man z.B. im angelsächsischen Raum häufiger findet. Das Ablegen oder beiseiteschieben von Bedenken, Ängsten und vor allem unseres Perfektionismus. Etwas mehr Gelassenheit, Mitarbeiter:Innen auch mal was ausprobieren zu lassen und Graswurzelinitiativen eine Wachstumschance zu geben. Natürlich muss man Risiken abschätzen und manches ordentlich durchdenken, aber irrationale Bedenken, zum Beispiel gegenüber Cloud-Services oder Kontrollverlust, und eine nicht vorhandene Fehlerkultur zählen schon eher zu typisch deutschen Bremsern.

Welche Tipps&Tricks kannst du den Lesern noch an die Hand geben?

Begeisterung und Geduld. Ein strukturiertes Vorgehen für die Definition einer Digitalstrategie, die Eingliederung in die Unternehmensstrategie und ein Maßnahmenplan für die Umsetzung sind natürlich die Grundvoraussetzung. Aber eine begeisterte Führungskraft im Top-Management, die das Thema wirklich vorantreiben will und die Erkenntnis, dass die Umsetzung einer Digitalstrategie ein Prozess ist, der mitunter Jahre dauern kann, sind nicht zu unterschätzende Faktoren für eine erfolgreiche Digitalstrategie.