Wenn deutsche Unternehmen eins durch Corona gelernt haben, dann ist es, dass gehandelt werden muss. Wer bisher kein „digitales Geschäftsmodell hatte, wird von der Krise härter getroffen als digitale Unternehmen, die – das ist jetzt schon absehbar – als Gewinner aus dieser Krise hervorgehen“ (Quelle).

Die zügig umgesetzten digitalen Maßnahmen (Kommunikationssysteme, Messenger, Interaktion) im Frühjahr 2020 sind keinesfalls als die Lösung der digitalen Herausforderungen zu betrachten, sondern lediglich als ein digitales Not-Kid, welches es in der Zeit danach kritisch zu hinterfragen gilt. Eine digitale Strategie oder auch Digitalstrategie geht weit über die Einführung von IT und Tools hinaus. Vielmehr geht es um eine weitreichende Analyse, die Definition und Durchführung von Maßnahmen und eine Sicherstellung der Nachhaltigkeit (i.S.v. Erfolg) der getroffenen Maßnahmen. Unternehmen müssen sich nicht nur die Fragen nach den Lücken innerhalb ihrer digitalen Kompetenzbedürfnisse stellen, sondern ebenfalls, wie sie Mitarbeiter:Innen auf der Reise in eine digitale Welt (Prozesse, Kommunikationsmuster und Kulturen. Systeme und Funktionen) begleiten.

Die digitale Bedürfnispyramide und warum Corona nur aufdeckt und nicht löst

So wie nicht jeder Mensch gleich ist und daher andere Bedürfnisse hat, so ist Digitalisierung in Unternehmen A eben nicht gleich Digitalisierung in Unternehmen B. Jedes Unternehmen hat seine eigenen, vielfältigen, digitalen Bedürfnisse. Vielleicht ist der Begriff „Digitalisierung“ deshalb so schwer zu greifen. Die meisten Menschen kennen ihre eigenen Bedürfnisse kaum. Wie sollen dann global agierende, weltweit vernetzte Unternehmen diese erkennen und umsetzen? Doch es gibt sie durchaus. Die Unternehmen, die ihre digitalen Bedürfnisse erkannt und umgesetzt haben.

Corona ist kein Treiber der Digitalisierung

Traditionsgemäß nehmen deutsche Unternehmen und insb. klein- und mittelständige (KMUs), keine Vorreiterrolle ein, wenn es um die Themen der Digitalisierung geht. 2019 erreichten sie gerade einmal 56 von 100 möglichen Punkten im Digitalisierungsindex des deutschen Mittelstandes (Quelle). Nachdem Corona zu Arbeitsbeschränkungen geführt hat, wurden viele Unternehmen wachgerüttelt. „Ein gescannter Hausaufgabenzettel statt Online-Unterricht ist nur ärgerlich, aber das vollbesetzte Wartezimmer beim Arzt statt Telemedizin zu Hause ist gefährlich. Keinen Online-Vertrieb zu besitzen ist sogar existenzbedrohend. Wer als Lieferant bisher nicht digital war, verliert Kunden. Wer bisher kein digitales Geschäftsmodell hatte, wird von der Krise härter getroffen als Digital- unternehmen, die – das ist jetzt schon absehbar – als Gewinner aus dieser Krise hervorgehen.“ (Quelle).

Das Virus wird mit seinen Folgen gerade einmal der Anstoß für die meisten Unternehmen sein können etwas zu tun. Corona allein wird die Digitalisierung in Deutschland nicht signifikant anfeuern. Dazu kam es erstens viel zu schnell und zweitens führte es zu nicht überlegten Entscheidungen. Viele Unternehmen schafften von heute auf morgen mehr oder weniger gut überlegte IT-Strukturen, um arbeits- und wettbewerbsfähig zu bleiben. Diese werden in den wenigsten Fällen den wahren Bedürfnissen dieser Unternehmen, geschweige denn Mitarbeiter:Innen entsprechen. Unternehmen müssen sich dessen bewusst sein. Das eigentliche Handeln beginnt jetzt.

Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Mitarbeiter:Innen des Unternehmens. Die Krise kam so plötzlich, dass Unternehmen, die keine etablierten digitalen Strukturen besaßen, ihre Mitarbeiter:Innen unter dem Motto „macht mal“ ins Home Office geschickt haben. Diese Unternehmen müssen den digitalen Kulturwandel schnellstmöglich begleiten, um Ängste und Barrieren entgegenzuwirken.

Die digitale Bedürfnispyramide

Digitale Bedürfnisse lassen sich dabei in zwei Kategorien unterscheiden:

  • Digitale Kompetenzen: Eine Kompetenz ist etwas, was ein Mensch oder eine Organisation beherrscht. Entsprechend kompetent ist man/sie in dieser und kann sie anwenden.
  • Digitale Technologien: Welche digitalen Technologien brauchen wir im Unternehmen, damit unsere Mitarbeiter:Innen arbeitsfähig sind und digitale Bedürfnisse bestmöglich erfüllt werden können.

In den meisten Fällen werden digitale Technologien digitale Kompetenzen nach sich ziehen. Es wird nicht ausreichen eine Technologie einfach hinzustellen, ohne Menschen darin kompetent zu machen diese auch nach den Vorstellungen und auf die Ziele des eigenen Unternehmens zu schulen.

Wie eingangs erwähnt werden sich digitale Bedürfnisse zweier Unternehmen nicht gleichen. Natürlich gibt es digitale Grundbedürfnisse, die jedes Unternehmen hat: Strom, Internet, eine PC-Infrastruktur etc. Aber je höher es in dieser Pyramide steigt, desto unterschiedlicher und individueller werden diese Bedürfnisse werden. Gerade die digitale Ausgestaltung interner Geschäftsprozesse ist von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich, aber auch von Branche zu Branche.

Ebenfalls ein wichtiger Aspekt digitaler Bedürfnisse ist die digitale (Zusammen-) Arbeit und Kollaboration. Innerhalb dieser Ebene geht es nicht mehr nur um Netze und Tools, sondern vielmehr um den Menschen hinter der Maschine. Unternehmen müssen auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter:Innen eingehen, Kompetenzen schulen, Netiquette und Kulturen des Teilens bzw. der Transparenz schaffen. Wichtig ist, dass sich Unternehmen klar sind, dass eine Digitalisierung nie nur die technische Seite (Technologiebedürfnisse) betrifft. Auch die Mitarbeiter:Innen müssen an die Hand genommen und deren digitale Kompetenzbedürfnisse geschult werden. Für Unternehmen bedeutet dies, dass sie ihre eigenen digitalen Bedürfnisse auf jeder Ebene der Pyramide (er-) kennen und umsetzen müssen.

Was lernen wir daraus?

Die kurzfristige Etablierung digitaler Tools stellt keine nachhaltige Lösung dar. Um wettbewerbsfähig zu bleiben müssen kleine und mittelständige Unternehmen ihre digitalen Bedürfnisse wissen oder herausfinden, aufarbeiten und in einer langfristigen Digitalstrategie verankern. Nur so stellen sie sicher, dass ihre und die digitalen Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter:Innen langfristig erfüllt sind, sie somit wettbewerbsfähig sind und kommende Krisen besser meistern können.

Beispiele für erfolgreiche, digitale Strategien

Es gibt Unternehmen, die haben die digitalen Bedürfnisse ihrer Anforderer früh erkannt. Der Schuhhändler Hamm Reno Group setzte als erster Einzelhändler bereits 2013 Tablets für eine schnellere Kommunikation und den Informationsaustausch der Mitarbeiter:Innen untereinander ein. Innovationen im Bereich des Einzelhandels konnten Kunden in den letzten Jahren gut beobachten. Sei es durch die Einführung alternativer Zahlungsmethoden wie Paypal, interaktiven Chat-Clients oder einer automatischen Größenerkennung mittels App. Auch Städte, Landkreise und Kommunen springen teilweise auf diesen Zug auf. Die Stadt Hanau setzt auf eine intelligente Müllentsorgung mittels App und so mancher ÖPVN-Nutzer bezahlt sein Ticket nicht mehr beim Fahrer, sondern per Smartphone.

Ebenso existieren Beispiele verschlafener, digitaler Innovationen im privaten, als auch öffentlichen Sektor. Bestes Beispiel ist Nokia, die in den 2000er Jahren das immense Smartphone Potential grundlegend unterschätzten. Auch stellt sich die Frage, warum Videotheken das enorme Potential eines Streaming-Dienstes nicht früher erkannt und umgesetzt haben. Video World und Co. sind leider nur noch Erinnerungen menschlicher Köpfe.