Neue Wege gehen und #SELBERgroß sein

Dank der Nominierung von Martin Seibert bin ich aufgefordert an der #SELBERgroß Challenge, initiiert am 14. November 2019 von Mark Poppenburg, zu beteiligen. Im ersten Moment musste ich überlegen was ich damit anfangen soll. Aber dann wurde mir bewusst wie passend der Moment gerade ist, darüber zu schreiben und somit meinen Beitrag zur Challenge zu leisten. Denn mittlerweile fühle ich mich #SELBERgroß. Vielleicht passt das hier Beschriebene nicht ganz zur inhaltlichen Intention der Challenge, da ich in erster Linie nicht über zivilen Ungehorsam schreibe. Aber für mich fühlt es sich richtig und wichtig an, über die Dinge zu schreiben die mich derzeit und im Zusammenhang mit der Challenge bewegen. Ich schreibe diese Geschichte als 37-jähriger Familienvater von drei Töchtern, Ehemann, Gründer und Geschäftsführer von Real Experts und als jemand, der über 9 Jahre im Berufsleben brauchte, um zu erkennen, dass die Selbstständigkeit und das Unternehmertum der richtige Weg sind. Mit dieser Geschichte möchte ich anderen Mut machen und zum Nachdenken über die eigene (Arbeits-)Situation und das eigene Leben anregen.

Die vergangenen zweieinhalb Jahren haben mich besonders geprägt und haben mir viele Momente geliefert, in denen ich bewusst oder unbewusst nicht das getan habe, was man von mir erwartet hätte bzw. was ich hätte tun müssen. Das betrifft ganz verschiedene Rollen, in denen ich mich bewege. Als Vater, Unternehmer, Kollege, Chef, Freund, Partner usw. Immer wieder bin ich mit vorgefertigten Denkmustern, Regeln und Erwartungen konfrontiert, die mich zu einem bestimmten Verhalten bringen sollen. ABER NEIN! Warum immer das tun, was andere von mir erwarten oder was die Theorie vorgibt? Es muss aus meiner Sicht nicht unbedingt ein Gesetz oder Richtlinie sein, welche man nicht einhält oder bricht. Es reicht häufig schon, nicht das alles hinzunehmen und zu akzeptieren, was die Außenwelt und die Menschen im eigenen Umfeld von einem denken oder erwarten. In diesem Artikel möchte ich Beispiele und (Lebens-)Bereiche zeigen in denen ich #SELBERgroß geworden bin oder war, denn die letzten zweieinhalb Jahre waren die mit Abstand verrücktesten meines Lebens. Mittlerweile kann ich aber guten Gewissens sagen, dass es sich gelohnt hat und ich finde mehr und mehr Bestätigung für das was ich und meine Begleiter*innen erreicht haben. Auch Beispiele in meinem Umfeld, wie das Unternehmen Seibert-Media und die Augenhöhe Bewegung, bestätigen und bestärken mich immer wieder. Denn hätte ich genau das getan was mir meine Eltern, meine Sozialisierung, meine Ausbildung und meine vorherigen Arbeitgeber mitgegeben haben, dann wäre ich mit Sicherheit nicht da angekommen wo ich mich jetzt befinde. Für viele werden die im Folgenden vorgestellten Beispiele nicht besonders beeindruckend sein. Aber für noch viel mehr Leute da draußen passt das so überhaupt nicht ins Weltbild.

Der Schritt in die Selbstständigkeit und scheiß auf Sicherheit

Der muss ja wohl verrückt sein!” - Das haben sich bestimmt einige gedacht, als ich die Entscheidung getroffen und umgesetzt habe mich Mitte 2017 selbstständig zu machen. Wer macht sich schon selbstständig mit einem sehr gut bezahlten Job, drei Kindern und einer kreditfinanzierten Eigentumswohnung an der Backe. Ich komme nicht aus einer Unternehmerfamilie und hatte vorher auch keine unternehmerischen Erfahrungen gemacht. Nichts, aber auch gar nichts hätte mich aus “normaler” Sichtweise dazu veranlassen können mein Angestelltenverhältnis zu verlassen und das hohe Risiko der Selbstständigkeit einzugehen, aber Sicherheit war mir damals und auch heute überhaupt nicht wichtig und ist auch nicht die Maßgabe für meine Entscheidungen. Vielmehr ist es die gewonnene Freiheit über das eigene Handeln und Tun. Freisein ist ein sehr hohes Gut für mich geworden, denn ich möchte genau das tun worauf ich Lust habe und das mit den richtigen Menschen zu teilen. Der Einstieg als frischgebackener Diplom Wirtschaftsinformatiker in den Magenta-Konzern im Jahre 2008 und die eingeschlagene Beraterlaufbahn hätten sicherlich anderes für mich parat gehabt. Aber was bedeutet schon ein aufgeblasenes Beraterdasein als Angestellter im Vergleich zu einem selbstbestimmten und freien Unternehmertum, in dem man sowohl Kunden als auch die eigenen Mitarbeiter glücklich machen kann. Vielleicht sind die Projekte und Themen, die wir machen nicht die spektakulärsten und sicherlich auch nicht die, die am meisten Anerkennung bringen. Aber einfach das tun was sich im Inneren richtig anfühlt und den Mitmenschen im eigenen Umfeld hilft ihr Leben und ihren Alltag wirklich besser zu machen, ist aus meiner Sicht #SELBERgroß.

Neue Form der Organisation und die 30-Stunden Woche

Wir bei Real Experts wollen für uns eine Arbeits- und Lebenswelt schaffen, die den Menschen bei uns die Möglichkeit gibt, ihr volles Potenzial auszuschöpfen, sie motiviert und glücklich macht. Wir wollen die Menschen in ihre Kraft bringen. Es zu machen wie es alle anderen machen wäre zu einfach. Das würde bestimmt auch funktionieren und lukrativ sein, aber so wollen wir und möchte ich nicht arbeiten und leben. Genauer betrachtet passt das was ich und wir bei Real Experts tun, nicht zu dem Arbeits- und Organisationssystem, aus dem ich komme und welches ich bisher kennengelernt habe. Viele wundern sich wie wir unser Unternehmen aufbauen und organisieren. Fragen wie: “Kann das denn funktionieren? Ist das überhaupt wirtschaftlich? Machen die Mitarbeiter überhaupt ihre Arbeit?” werden mir öfters gestellt.

Im Wesentlichen versuchen wir das Unternehmen nach den Prinzipien einer Reinventing Organization und von Augenhöhe aufzubauen. Den Schritt in die Selbstständigkeit und die Gründung der GmbH habe ich mit dem Ziel verbunden, nicht mehr so zu arbeiten wie bisher. Der Schmerz wäre dabei einfach zu groß gewesen. Es gab durchaus einige sehr spannende und lukrative Jobangebote. Das wäre aber nur der Weg vom Regen in die Traufe gewesen. Zum Zeitpunkt der Gründung wusste ich nicht wie das Neue aussieht. Bis zu diesem Moment hatte ich mich so gut wie nicht mit neuen Formen der Organisation von Unternehmen beschäftigt. Erst beim Lesen des Buches “Reinventing Organization” ist mir ein Licht aufgegangen. Das war die entscheidende Inspiration für mich und meine nette Kollegin und Wegbegleiterin Peggy Kopkow. Mit Peggy habe ich meine erste Mitarbeiterin bei Real Experts gewonnen. Von Anfang an war uns beiden klar in welche Richtung wir das Unternehmen entwickeln wollen. Als klares Kommitment an diese Entscheidung durfte Peggy im letzten Jahr (im zweiten Monat bei uns) die Ausbildung zum Augenhöhe Wegbegleiter starten und konnte diese gerade diese Woche erfolgreich beenden. Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt immer noch nicht wohin uns diese Reise führen wird und wir entdecken ständig Neues. Aber mit Sicherheit können wir sagen, dass es sich richtig anfühlt.

Um ein paar Beispiele zu geben was wir anders machen als andere:

  • vertraglich festgelegte 30 Stunden Arbeitswoche bei vollem Gehalt
  • volle Transparenz über Gehälter und alle Finanzkennzahlen des Unternehmens
  • größtmögliche Selbstorganisation und Freiheit für alle Mitarbeiter
  • keine Kontrolle der erbrachten Arbeitszeit (wird nur für Projektstunden erfasst)
  • keine Anwesenheitspflicht und volle Flexibilität der Arbeitszeit
  • keine Urlaubsanträge und Kontrolle der genommenen Urlaubstage

Das gibt es bei uns von der ersten Stunde an und ohne Einschränkung. Einen Unternehmer wie Martin Seibert beeindruckt das nicht mehr. Aber für viele Unternehmen ist die Form der Organisation vollkommen unvorstellbar. Für genau diese möchte ich auch diesen Artikel schreiben und damit Mut machen. Mut machen neue Wege zu gehen und über das bisherige kritisch nachzudenken. In unseren Projekten treffen wir nahezu ausschließlich auf Unternehmen der klassisch-traditionellen Organisationsform. Der Chef hat das Sagen, es gibt eine klare Hierarchie und die Mitarbeiter arbeiten, wie es ihnen gesagt wird. Wir wollen unseren Kunden zeigen wie neues Arbeiten funktioniert und sie auf diesem Weg begleiten.

Bauchgefühl und der Umgang mit Risiken

Eigentlich müsste ich es besser wissen und machen. Sowohl mein Studium als Wirtschaftsinformatiker, als auch ein fast beendeter MBA General Management haben mich gelehrt wie Unternehmensführung, Betriebswirtschaft und strategische und operative Entscheidungsfindung funktioniert. So müsste ich es dann doch machen.

Aber die Realität sieht anders aus. In den meisten Fällen, in denen ich unternehmerische oder persönliche Entscheidungen getroffen habe, habe ich auf mein Bauchgefühl gehört und nie wirklich über die Risiken nachgedacht. Ich bin in die Selbstständigkeit ohne Rücklagen und Business Plan gegangen, ich habe Mitarbeiter eingestellt, ohne genau zu wissen ob es ausreichend Projekte gibt, wir haben Investitionen in Mitarbeiter getätigt, ohne sicher zu sein ob sich das rechnet. Klar sind wir im letzten Jahr damit auch auf die Nase gefallen und das wirtschaftlich so krass, dass es uns fast die Existenz gekostet hätte. Aber ohne diese Art und Weise der Entscheidungsfindung und den Mut auf das eigene Bauchgefühl zu hören, wäre wir nicht so weit gekommen. Die Vorteile und das Erreichte überwiegen auf jeden Fall die bisherigen Verluste, die wir hinnehmen mussten.

Persönlich bin ich mir natürlich sehr wohl bewusst was ich da mache. Es wäre der eigenen Familie gegenüber auch verantwortungslos völlig planlos in den finanziellen Ruin zu steuern. Aber genau das gehört aus meiner Sicht zu #SELBERgroß. Ich bin erwachsen genug, um für mich und meine Familie gemeinsam mit meiner lieben Frau die richtigen Entscheidungen zu treffen. Risiken halten wir uns zwar vor Augen und reflektieren diese auch, aber diese hindern uns nicht Dinge, die wir für richtig halten, zu entscheiden. Wäre das der Fall, wären meine Frau als freiberufliche Hebamme und ich nicht selbstständig.

Diesen Ansatz leben wir auch im Unternehmen und von mir aus darf jeder Mitarbeiter die Entscheidungen treffen, die sie oder er für richtig hält. Es braucht von mir als “Chef” niemand erwarten, dass ich den Mitarbeitern die Entscheidungen abnehme. Ich selbst sehe mich als Coach, Mentor und Begleiter von eigenständigen, selbstbewussten und integren Persönlichkeiten, die alle viel besser wissen was für sie richtig ist. Es wäre anmaßend zu denken, dass man für seine Mitarbeiter entscheiden sollte.

Vielleicht spielt in meinem Leben die weibliche Intuition dabei eine wichtige Rolle. Ich bin umgeben von meinen vier Frauen zuhause und starken Persönlichkeiten wie Peggy, die mich in den letzten Jahren stark geprägt haben und immer noch prägen. Ich selbst stehe da erst am Anfang einer Entwicklung und einer persönlichen Reise.

Das sind drei (Lebens-)Bereiche, die für mich wichtig und richtig waren um #SELBERgroß zu werden und zu sein. Wie gesagt kenne ich viele Leute, die das bereits sind und vorleben. Aber ebenso sehe ich da draußen noch eine große Anzahl von Menschen, die ich ermutigen möchte, selber groß zu werden. Habt den Mut und traut euch genau den Schritt zu gehen und die Entwicklung zu nehmen, die ihr für euch im Inneren für richtig haltet. Beschäftigt euch mit dem Hier und Jetzt. Hinterfragt das Bestehende und das eigene Handeln und Tun. Lasst euch inspirieren von vielen positiven Beispiele, auch aus der #SELBERgroß Challenge. Es gibt so viel mehr zu erleben und zu entdecken, als uns unsere kleine (Arbeits-)Welt so vorgibt. Für mich ist das auch erst der Anfang einer Reise und ich freue mich auf das, was da noch kommt. **KEEP ON CHANGING! **

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